EUPJ Torah

Ki Tisa – Deutsch

Ten Minutes of Torah

Paraschat Ki Tisa – EUPJ

Rabbinerin Ariel J. Friedlander (Übersetzung Rabbinerin Lea Mühlstein)

Paraschat Ki Tisa ist eine der dramatischsten Abschnitte der Tora. Sie führt vom Höhepunkt des unmittelbaren Empfangs der Tora von Gott auf dem Berg hinab zum Tiefpunkt des Götzendienstes – zur Herstellung des Goldenen Kalbes. Gott ist erzürnt. Mose ringt mit Gott und bewegt Gott dazu, die Kinder Israels nicht zu vernichten.

Der Text berichtet, dass Mose zu lange fortgeblieben war. Die Israeliten sahen und hörten Rauch und Donner auf dem Gipfel des Berges und waren zutiefst verängstigt. Sie riefen Aaron zu: „Auf, mache uns einen Gott, der vor uns herziehe!“1 Über Generationen der Sklaverei geprägt, griffen sie auf ihre vertraute Lebenserfahrung zurück. Sie kannten nur eine Autoritätsfigur – einen Aufseher, der vor ihnen stand. Das war die Macht, die sie verstanden. Zu ihrer eigenen Sicherheit meinten sie, ein greifbares Sinnbild zu brauchen. So wurde das Kalb geschaffen.

Gott sah, was geschehen war, und sagte zu Mose: „Lass mich … damit ich sie vernichte und dich zu einem großen Volk mache.“2 Mose entgegnete Gott, dass es einem öffentlichen Desaster gleichkäme, den Plan an diesem Punkt abzubrechen3. Gott ließ Gnade walten. Die Reise ging weiter.

Können wir den Kindern Israels wirklich vorwerfen, wankelmütig gewesen zu sein und so früh auf ihrem Weg den Glauben verloren zu haben? Es ist schwer, Vertrauen in die Integrität einer Überzeugung zu haben, wenn es keinen greifbaren Beweis gibt. Lange habe ich das für eine post-aufklärerische Haltung gehalten – ich meine damit die Art und Weise, wie das Konzept der Vernunft unser Weltverständnis bestimmt. Doch manchmal reicht Vernunft allein nicht aus. Wer kann schließlich die Gegenwart Gottes beweisen? Unsere Parascha zeigt, dass solche Fragen schon vor vielen Generationen gestellt wurden.

Es ist leicht, die Reaktion der Israeliten als verständlich zu erklären – besonders angesichts ihres Übergangszustandes und ihrer erst kürzlich gewonnenen Freiheit. Aber was ist mit Mose, ihrem Anführer? Wir nehmen an, dass er nach brennenden Dornbusch und Plagen eine weniger greifbare Verbindung zu Gott gebraucht hätte. Doch auch Mose ist verletzlich. Selbst nachdem er Gott dazu bewegt hatte, als Wolkensäule vor den Israeliten zu erscheinen; selbst nachdem Gott mit ihm von Angesicht zu Angesicht gesprochen hatte – selbst dann ruft Mose: „Lass mich doch Deine Herrlichkeit schauen!“4 Wie unsere Parascha erinnert, verspürte selbst Mose das Bedürfnis nach etwas Weiterem, um seine Beziehung zu Gott zu festigen.

Gott antwortete, eine solche Erfahrung sei für keinen Menschen – selbst für Mose – zu überleben. Doch Gott kam ihm entgegen und gewährte einen Blick auf Gottes „Rückseite“.5 Ebenso erkannte Gott, dass die Israeliten etwas Konkretes brauchten, und gab Anweisungen zum Bau des Mischkan.

All die Jahre später ringen viele von uns noch immer. Wie können wir eine konkretere Beziehung zu Gott finden? Kann es Glauben ohne Beweis geben? Ich glaube, sowohl die Israeliten als auch Mose hatten den richtigen Instinkt. Sie wollten fühlen und erkennen. Doch wie sammeln wir diese „Daten“? Zuerst durch unseren Körper. Dann verarbeiten Verstand und Herz diese sinnliche Erfahrung. So genießen wir Menschen die positiven Seiten des Lebens und entwickeln Widerstandskraft für Zeiten von Schmerz und Leid. Paraschat Ki Tisa betont die Sehnsucht, hinauszugreifen und Gottes Gegenwart in der Welt zu finden.

Wo also begegnen wir Gott?

Wenn Sie morgens aufwachen – sind Sie manchmal überrascht, dass die Luft noch da ist? Ohne sie würde unser Körper sterben, und doch wachen wir jeden Tag auf. Nehmen wir das wahr? Wie viel Zeit nehmen wir uns, etwas zu würdigen, das wir weder sehen noch berühren noch mit einem unserer Sinne eindeutig erfassen können – etwas, das uns umgibt und uns Leben schenkt? Wir glauben an die Luft, wir wissen um sie, wir vertrauen ihr. Wir stellen sie nicht in Frage.

Ist es möglich, dass Gott – so wie die Luft unseren Körper nährt und erhält – der Name für das ist, was unserer Seele Leben gibt? Wir wissen viel über körperliches Wohlbefinden und darüber, wie Fürsorge Liebe und Verbundenheit wachsen lässt. Was aber tun wir für unsere Seele? Dort beginnt die Begegnung. Mit kleinen Schritten.

An diesem Schabbat lade ich Sie ein, sich bewusst Zeit für einen geliebten Menschen zu nehmen. Während Sie zuhören, achten Sie auf die Kraft der Verbindung. Schema Jisrael. Dies ist ein heiliger Moment. Wie Martin Buber lehrt, kann Gott im „Zwischen“6 gefunden werden.

Schabbat Schalom.

Rabbinerin Ariel J. Friedlander ist erstaunt und dankbar, in diesem Mai den 30. Jahrestag ihrer Ordination begehen zu dürfen. Sie hat progressive Gemeinden geleitet und Judentum in Nordamerika, im Vereinigten Königreich und in ganz Europa gelehrt. Sie lebt mit ihrer Partnerin Lucia Lior und ihrer Katze Sara in Modena, Italien.

  1. עֲשֵׂה־לָ֣נוּ אֱלֹהִ֗ים אֲשֶׁ֤ר יֵֽלְכוּ֙ לְפָנֵ֔ינוּ Ex.32:1 ↩︎
  2. Ex 32:10 ↩︎
  3. „Warum sollen die Ägypter sagen: In böser Absicht hat Er sie herausgeführt, um sie in den Bergen zu töten und sie vom Erdboden zu vertilgen?“ Ex. 32:12 ↩︎
  4. Exodus 3:18 ↩︎
  5. „Ich werde meine Hand wegnehmen, und du wirst meinen Rücken sehen.“ (Ex 33,23) ↩︎
  6. „Das Zwischen“ – ein Gedanke, der sich durch weite Teile von Martin Bubers Werk zieht, insbesondere in Ich und Du (1923). ↩︎

More News