Sh’mot – Deutsch
Ein König, der Josef nicht kannte: Angst, Mut und die Macht der Namen
Rabbiner Mati Kirschenbaum (Übersetzung Rabbinerin Lea Mühlstein)
Gibt es Torageschichten, die Ihnen jedes Mal einen Schauer über den Rücken jagen?
Wenn ja, herzlichen Glückwunsch! Dann haben Sie genau die Textstellen identifiziert, mit denen Sie ringen. Paradoxerweise sind es gerade diese Abschnitte der Tora, die Sie besonders intensiv studieren sollten: Sie helfen Ihnen, Ihr eigenes Glaubens- und Wertesystem besser zu verstehen. Denn oft reagieren wir besonders stark auf Texte, die unseren Vorstellungen davon widersprechen, wie die Welt sein sollte.
Welche Torageschichten lassen Ihnen also die Haare zu Berge stehen?
Vielleicht die Geschichte von der Bindung Isaaks?
Oder die tragische Erzählung vom Leben Dinahs?
Oder die Berichte über die biblischen Matriarchinnen, die vergeblich versuchen, schwanger zu werden?
Ich finde jede der genannten Geschichten zutiefst verstörend. Und doch gibt es keine biblische Erzählung, die mir schneller das Blut in den Adern gefrieren lässt als ein einziger kurzer Vers: Exodus 1,8 aus dem Wochenabschnitt Sch’mot:
„Da trat ein neuer König über Ägypten auf, der Josef nicht kannte.“
In diesem einen prägnanten Vers bringt die Tora die extreme Verletzlichkeit von Josefs Familie und ihren Nachkommen in Ägypten auf den Punkt. Solange der Pharao lebte, der Josef kannte und schätzte, wurden die Israeliten gut behandelt. Doch kaum bestieg ein neuer Pharao den Thron Ägyptens, verschlechterte sich ihre Lage rapide. Von da an galten die Israeliten als wachsende Bedrohung, was schließlich zu ihrer Versklavung führte.
Über Jahrhunderte hinweg begegneten die meisten Jüdinnen und Juden in der Diaspora Machtwechseln mit großer Furcht. Sie fürchteten, der neue Herrscher könnte „ein König sein, der Josef nicht kennt“, dass eine neue Regierung antijüdische Gesetze erlassen könnte. Mit der Zeit ist diese Angst Teil unseres kollektiven Gedächtnisses geworden. Heute wird sie wach, wenn wir antisemitischen Einstellungen begegnen. Wann immer wir von antisemitischer Gewalt hören, stellt eine alarmierte Stimme in uns dieselben Fragen:
Werden die Mächtigen an der Seite der jüdischen Gemeinschaft stehen?
Werden die „Könige“ von heute uns als Freundinnen und Freunde sehen – oder als Feinde?
Leider haben die Ereignisse der letzten Jahre diese ängstliche innere Stimme für viele von uns allzu vertraut gemacht.
Wenn die Zukunft unsicher erscheint – oder sogar beängstigend –, richtet sich unsere Angst oft auf jene Torageschichten, die die Überzeugung bestätigen, wir seien machtlos und könnten an unserer Situation nichts ändern. In solchen Zeiten erfordert es bewusste Anstrengung, sich daran zu erinnern, dass die Tora voller Berichte von mutigen Handlungen ist, die die Welt verändert haben.
Sch’mot, unser Wochenabschnitt, ist eine kraftvolle Erinnerung daran, dass Mut keine feste Eigenschaft ist, sondern eine Haltung, die jede und jeder von uns entwickeln kann. Immer wieder begegnen wir in diesem Abschnitt Menschen, die Angst haben und sich dennoch für mutiges Handeln entscheiden. Die hebräischen Hebammen Schifra und Pua widersetzen sich dem Befehl des Pharao und retten das Leben neugeborener israelitischer Jungen. Jocheved und Amram – die Eltern von Mose – riskieren ihr Leben, indem sie ihn verstecken. Mirjam spricht die Tochter des Pharao an, jenes Mannes, der ihr ganzes Volk auslöschen will. Mose tritt dem Pharao entgegen, um die Israeliten zu befreien. Und Aaron entscheidet sich, im Namen seines Bruders zu sprechen.
Sch’mot – auf Deutsch „Namen“ – ist der hebräische Titel sowohl unseres Wochenabschnitts als auch des gesamten Buches Exodus. Der Name bezieht sich zunächst auf die Liste der Israeliten, die Josef nach Ägypten folgten. Doch die Namen, die dieses Buch der Tora wirklich prägen, sind Mirjam, Aaron und Mose. Der Mut und die Führung dieses Geschwistertrios führen die Israeliten aus Ägypten heraus.
In dieser Woche, in der wir mit der Lektüre des Buches Sch’mot, der Geschichte unserer Befreiung, beginnen, lade ich Sie ein, über folgende Fragen nachzudenken:
Was denken andere, wenn mein Name genannt wird?
Wie wünsche ich mir, dass mein Name – mein Ruf – wahrgenommen wird?
Welche biblischen Namen (Figuren) können mir helfen, die beste Version meiner selbst zu werden?
Ich bin überzeugt: Antworten auf diese Fragen zu finden, ist der erste Schritt auf dem Weg in eine bessere Zukunft – für das jüdische Volk ebenso wie für uns selbst.
Schabbat Schalom
Rabbiner Mati Kirschenbaum
Rabbiner Kirschenbaum wurde in Polen geboren und ist dort aufgewachsen. Er wurde am Leo Baeck College in London ordiniert. Heute ist er Rabbiner der Temple Beth Tikvah in Fullerton, Kalifornien (USA), und engagiert sich weiterhin für jüdisches Leben in Polen.