Terumah – Deutsch
Was bedeutet es zu geben?
Rabbiner Gershon Sillins (Übersetzung Rabbinerin Lea Mühlstein)
In unserem Wochenabschnitt sagt Gott zu Mose: „Rede zu den Israeliten, dass sie für Mich eine Abgabe nehmen; von jedem, dessen Herz ihn dazu bewegt, sollt ihr Meine Abgabe nehmen.“ (Ex 25,1–2). Das unterscheidet sich deutlich von vielen anderen Anweisungen, die Gott dem Volk durch Mose erteilt, denn hier ist nicht im Ton eines Gebots formuliert, sondern in ganz anderer Weise: Man soll eine Gabe von denen nehmen, die sie geben möchten. Man fragt sich unwillkürlich, ob jemand zurücktrat und sagte: „Nein, dieses Mal gebe ich nichts.“ Doch man gewinnt den Eindruck, dass jede und jeder etwas gab, weil ihre Vorstellungskraft und ihr Geist von dem Projekt erfasst waren, das vor ihnen lag: die Schaffung eines Raumes für das Gebet, wie sie es verstanden. Und wir hören nicht davon, dass jemand wesentlich mehr gab als andere – auch wenn das durchaus geschehen sein mag. Alles zählte.
Bemerkenswert ist auch, dass das Herz des Volkes sie zum Handeln bewegte, nicht zur bloßen Betrachtung. Zwar wurden Entwurf und Ausführung von kunstfertigen Handwerkern übernommen, doch das Projekt schloss den Beitrag aller ein.
Zugleich war dies eine Gelegenheit für das Volk, eine aktive Rolle in seinem eigenen Schicksal zu übernehmen. Als Sklavinnen und Sklaven in Ägypten war alles, was sie besitzen oder verbrauchen durften, ihnen von ihren Herren zugeteilt worden, und auch ihre Erlösung war ihnen von Gott geschenkt worden. Doch in diesem Moment werden sie gebeten – nicht befohlen –, etwas zu einem Projekt beizutragen, das sie als ein Volk definieren würde, dessen einziger Herr Gott ist. Und wie Jonathan Sacks hervorhebt, gab Gott ihnen noch etwas völlig Neues: Gott gab ihnen die Möglichkeit zu geben.
Der zentrale hebräische Begriff für Wohltätigkeit, für das Geben an andere, ist Zedaka. Doch das jüdische Recht versteht darunter etwas anderes, als wir im modernen Sprachgebrauch unter „Charity“ verstehen. Das Wort „Charity“ leitet sich vom lateinischen caritas ab, was „lieb“, „wertgeschätzt“ bedeutet. Charity hat daher mit dem Gefühl des Sich-Kümmerns zu tun. Die hebräische Wurzel von Zedaka hingegen bedeutet „Gerechtigkeit“. Obwohl es oft mit „Wohltätigkeit“ übersetzt wird, ist es etwas grundlegend anderes. Charity wird gewöhnlich als Akt der Großzügigkeit verstanden; Zedaka hingegen ist eine ethische Verpflichtung. Sie ist nicht eigentlich „Wohltätigkeit“, sondern Teil dessen, was notwendig ist, um eine gerechte Gesellschaft zu schaffen. Deshalb sagt das jüdische Recht, dass sogar eine arme Person, die selbst auf Zedaka angewiesen ist, verpflichtet ist, Zedaka an eine andere Person zu geben. Es geht nicht in erster Linie um Großzügigkeit, und auch nicht nur um Bedürftigkeit, sondern um die Gestaltung einer Gesellschaft des Gebens. In vielen jüdischen Häusern gab es (und gibt es mancherorts noch) eine „Puschke“, eine kleine Büchse für Zedaka, in die – meist kurz vor Schabbat – Münzen gelegt wurden, um sie schließlich Bedürftigen oder guten Zwecken zukommen zu lassen. Die Gewohnheit, Zedaka zu geben, war Teil des Alltags, und man lernte sie von klein auf.
Doch wenn Zedaka auf Gerechtigkeit gründet und nicht allein auf emotionaler Bewegung, erinnert uns die Lesung dieser Woche daran, dass das Herz in der jüdischen Tradition und im gemeinschaftlichen Engagement keineswegs ausgeschlossen ist. Das Mischkan wurde so schön gestaltet, wie es die Handwerker und Gestalter nur vermochten; sie waren Gottes Partner in diesem Schöpfungswerk. Schönheit war kein Nebenaspekt, sondern ein integraler Bestandteil der Aufgabe. Und auch diejenigen, deren Herz sie dazu bewegte, eine Gabe für seinen Bau zu bringen, waren Gottes Partner.
Wir sollten uns verpflichtet fühlen, Zedaka zu geben, weil es das Richtige ist – um die Grundlage für eine gerechte Gesellschaft zu schaffen. Und wir sollten Gaben darbringen, wenn unser Herz dazu bereit ist, um die Institutionen und Orte zu unterstützen, die wir brauchen, damit das Judentum lebendig bleibt.
Rabbiner Gershon Sillins ist Rabbiner der Liberal Synagogue Elstree (UK). Als ordinierter Kantor diente er zuvor Gemeinden in Kanada und den USA, bevor er nach Großbritannien kam.