Tetzaveh – Deutsch
Tetzaveh – Nicht mehr und nicht weniger
Rabbinerin Sandra Kviat (Übersetzung Rabbinerin Lea Mühlstein)
וְעָשִׂ֥יתָ בִגְדֵי־קֹ֖דֶשׁ לְאַהֲרֹ֣ן אָחִ֑יךָ לְכָב֖וֹד וּלְתִפְאָֽרֶת׃
„Du sollst heilige Gewänder für deinen Bruder Aaron machen, zur Würde und zur Zier.“ (Ex 28,2–3)
Oder, wie Polonius in Hamlet sagt: „Kleider machen Leute“ (frei nach Akt 1, Szene 3).
Was bedeutet es, demütig zu sein oder Demut zu zeigen? Wie sieht Würde aus?
Aus jüdischer Perspektive bedeutet Demut, sich selbst wirklich zu kennen und anzunehmen: sich bewusst zu sein, wozu man fähig ist, und das Eigene anzuerkennen, ohne das Ego aufzublähen oder in den Raum anderer hineinzutreten und deren Rolle und Wirkung zu schmälern.
Der jüdische Weisheitslehrer Alan Morinis definiert Anavah auf sehr interessante Weise als „den eigenen, angemessenen Raum einzunehmen“ – sei es physisch, emotional, psychologisch oder finanziell. Demütig zu sein bedeutet, vorzutreten, wenn es nötig ist, Raum einzunehmen, wenn es richtig ist – und ebenso zurückzutreten, wenn nicht wir an der Reihe sind, wenn andere Raum brauchen oder haben sollten.
Mosche wird als der demütigste Mensch auf Erden beschrieben – eine bemerkenswerte Aussage. In unseren Torage schichten finden wir die Botschaft, dass Demut bedeutet, nicht eigennützig zu sein. Mosche wird nicht zum Anführer Israels, weil er Macht und Ruhm (oder vielleicht Streit) sucht. Vielmehr übernimmt er die Führung, weil er darum gebeten wird – und weil er erkennt, dass sein einzigartiger Hintergrund ihn von allen anderen Israelitinnen und Israeliten unterscheidet: Als Einziger hat er die Sklaverei nicht selbst erlebt. Gerade deshalb wird er aufgefordert, vorzutreten und den Raum der Führung einzunehmen.
In diesem Zusammenhang erscheinen Demut und Bescheidenheit sehr sinnvoll. Doch wie passt das zu den ausführlichen Beschreibungen der Gewänder Aarons als Hoherpriester in Paraschat Tetzaveh? Es ist schwer, in den vielen Kapiteln über die prächtige Kleidung, die Aaron tragen soll, Demut zu entdecken:
„Dies sind die Gewänder, die sie anfertigen sollen: ein Brustschild, ein Efod, ein Obergewand, ein gewirktes Untergewand, einen Kopfbund und einen Gürtel. Sie sollen diese heiligen Gewänder für deinen Bruder Aaron und seine Söhne anfertigen, damit sie Mir als Priester dienen … aus Gold, aus blauem, purpurnem und karmesinrotem Garn und aus gezwirntem Byssus.“ (Auszüge aus Ex 28)
Und Gold – viel Gold. Geflochtene Ketten aus reinem Gold, goldene Schnüre, goldene Glöckchen und ein goldener Granatapfel am Saum. Und nicht zu vergessen die Edelsteine und kostbaren Steine, die seine Gewänder schmücken.
Das eindrucksvolle Bild aus unserer heutigen Parascha zeigt Aaron im Zentrum einer sehr öffentlichen und glanzvollen Zeremonie, wenn er in sein Amt als Hoherpriester eingesetzt wird – als derjenige, der vor Gott für das Volk Israel spricht und es repräsentiert.
In dieser feierlichen Handlung wird er buchstäblich „eingekleidet“, Schicht um Schicht in hochsymbolische rituelle Gewänder, gefolgt von langen und aufwendigen Opferhandlungen. Am ehesten lässt sich das vielleicht mit der Pracht und dem Zeremoniell einer königlichen Krönung vergleichen – wenn auch ohne die Opfer und den Geruch von Stier, Widder, Lamm und ungesäuertem Brot.
Der Dienst des Hohenpriesters ist Teil des großen gemeinschaftlichen Projekts, einen neuen heiligen Raum für dieses neue Volk zu schaffen. Und doch scheint all das kaum zum Leben in der Wüste zu passen. Nachdem sie in die Freiheit geflohen sind und nun die Grundlagen der Selbstbestimmung lernen – ihre Zeit, ihre Regeln und Werte, ihre gesellschaftlichen Strukturen selbst zu gestalten –, ist es bemerkenswert, dass Gold und Glanz nötig sind, um Aarons religiöse Führungsrolle sichtbar zu machen. Oder vielleicht ist es gar nicht so seltsam: Besondere Momente verlangen nach besonderen Kleidern und Symbolen – und wer mag nicht ein wenig Glanz?
Doch bei genauer Lektüre wird deutlich, wie viel er tatsächlich trägt und wie schwer all das Gold, die Edelsteine und die Stoffe gewesen sein müssen. Er war buchstäblich beschwert von den Symbolen des Volkes, das er repräsentierte. Und das ist eine mögliche Deutung dieses Rituals. So sehr uns das Glitzern und Funkeln dieses antiken „roten Teppichs“ blenden mag – seine Funktion war weitaus bedeutsamer als vergleichbare Inszenierungen heute.
Denn es geht nicht darum, Aaron als Person zu erhöhen; dies ist nicht seine „Oscar“-Verleihung, nicht sein Moment im Rampenlicht. Er tritt vielmehr in eine Rolle ein. Es geht darum, eine Aufgabe zu übernehmen und zu reflektieren, wie er sein Volk in dieser Funktion vertreten und unterstützen kann.
Natürlich besteht die Gefahr, dass er seine Verantwortung vergisst. Vielleicht sind deshalb seine Gewänder so aufwendig, symbolisch und schwer – und deshalb sind die Namen der zwölf Stämme sowie die Worte „Heilig dem Ewigen“ auf ihnen eingraviert. Seine Rolle und seine Gewänder sind Teil des Mischkan; sie gehören nicht ihm. Sie sind heilige „Ausrüstung“, eine Erinnerung – für ihn selbst, für Gott und für das Volk Israel. Sie mahnen ihn, dass er eine Funktion erfüllt, nicht sich selbst oder sein Bedürfnis nach Ruhm.
Wenn er als Hoherpriester Entscheidungen trifft und Urteile fällt, muss er sich daran erinnern, seinen eigenen Raum angemessen zu begrenzen und anderen Raum zu lassen. Er wird ständig an „nicht mehr und nicht weniger“ erinnert – daran, wie viel von sich selbst er in diese Rolle einbringen kann und soll. Als Hoherpriester geht es nicht um „ich“ und „mein“, sondern um „wir“ und „uns“, um die Gemeinschaft.
Wie gut gelingt uns diese Balance heute? Individualismus wird in der globalen Kultur stark gefördert, oft verpackt als Unterhaltung und Spaß – und doch vermittelt er unterschwellig, dass es vor allem darauf ankommt, die eigenen Bedürfnisse und die eigene Position durchzusetzen. Dass das höchste Ziel sei, zu gewinnen, auf dem Podest zu stehen. Wie sähe es aus, wenn die meisten Reality-TV-Formate nicht auf Wettbewerb beruhen würden, bei dem eine Person gewinnt und alle anderen verlieren?
Und wie steht es um Anavah in unserem eigenen Leben? Wie oft würdigen wir die Rollen anderer – am Arbeitsplatz oder zu Hause? Was erinnert uns daran, nur den angemessenen Raum einzunehmen?
Wenn wir Demut als positive Kraft verstehen – als Kraft, die eine bessere Gesellschaft aufbaut, unsere Führungspersönlichkeiten prägt und uns im Alltag leitet –, wie können wir diese Haltung in uns selbst, in unseren Gemeinden und in der weiteren Welt entwickeln?
In der Wüste, befreit aus der Sklaverei, mussten die Israelitinnen und Israeliten gemeinsam ein Volk aufbauen. Der Bau des Mischkan war ein hilfreiches Mittel, um Menschen aus allen Stämmen an einem gemeinsamen Projekt zu beteiligen. Vielleicht erlebten sie dabei zum ersten Mal, was es heißt, als freie Menschen etwas zu schaffen – Würde und Anerkennung zu erfahren durch die freiwilligen Beiträge jeder und jedes Einzelnen.
Der gemeinsame Bau des Mischkan und die kunstvollen Gewänder der Priester sind eine beständige Erinnerung daran, dass Gemeinschaft (und Gesellschaft) kollektive Projekte und Anavah braucht – das Wissen um den jeweils angemessenen Raum. Die Einsetzung der Priester war keine Feier Aarons, sondern eine Lektion in Anavah und eine Würdigung der Leistung aller.
Nicht mehr und nicht weniger
Rabbinerin Sandra Kviat wuchs in der jüdischen Gemeinde in Kopenhagen, Dänemark, auf und wurde 2011 am Leo Baeck College ordiniert. Sie war die erste Rabbinerin Dänemarks. Ihre dänisch-schwedischen Wurzeln bringt sie mit Freude in ihre Gemeindearbeit in London ein, sowohl bei der Crouch End Chavurah als auch in Teilzeit an der Edgware and Hendon Reform Synagogue.