EUPJ Torah

Yitro – Deutsch

Ten Minutes of Torah

Paraschat Jitro – Als progressive Jüdinnen und Juden am Sinai stehen

Rabbiner Dr René Pfertzel (Übersetzung Rabbinerin Lea Mühlstein)

In ihrer historischen Einleitung zu The Reform Judaism Reader (2001) schrieben W. Meyer und W. G. Plaut: „In gewisser Weise war das Judentum immer Reformjudentum, und die Orthodoxie stellt eine Abweichung von der Tradition dar“ (S. VII). Unabhängig davon, wie man diese polemische Behauptung bewertet, liegt ihr eine historische Realität zugrunde: Das Judentum war stets ein sich entwickelndes Phänomen. Genau das ist die Bedeutung von „progressiv“ in Begriffen wie „progressive Offenbarung“ oder „progressives Judentum“.

Das Jahr 2026 ist ein bedeutendes Jahr in der Geschichte der progressiv-jüdischen Bewegung, die ihre geistige Herkunft auf die Ereignisse zurückführt, die in unserer Wochenparascha, Paraschat Jitro – der Parascha der Offenbarung – beschrieben werden.

Am 1. Januar 2026 wurde im Vereinigten Königreich offiziell eine neue Movement for Progressive Judaism gegründet. Zwei Bewegungen, Liberal Judaism und Reform Judaism, haben beschlossen, zu fusionieren und ihre Ressourcen sowie ihre schöpferische Energie zusammenzuführen. Im Laufe der Jahre sind die Unterschiede so gering geworden, dass sich Mitglieder der verschiedenen Gemeinden in anderen Synagogen zuhause fühlen – vielleicht mit Ausnahme der jeweils verwendeten Gebetbücher.

Im Juni 2026 wird sich die World Union for Progressive Judaism, die 1926 in London gegründet wurde, in ihrer Geburtsstadt versammeln, um ihr hundertjähriges Bestehen zu feiern. Aber ist es erst ein Jahrhundert? Ich bin überzeugt, dass unsere Wochenparascha bereits alle Elemente eines „progressiven“ Judentums enthält: die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln, sich anzupassen und in jeder Generation relevant zu bleiben.

Die Tora berichtet: „Und sie stellten sich unten am Berge auf“ (Exodus 19,17). Der Midrasch entfaltet diesen Gedanken weiter und erklärt: „Alle Seelen waren dort anwesend, auch wenn ihre Körper noch nicht erschaffen waren“ (Tanchuma, Nitzavim 3). Ein weiterer Midrasch geht noch weiter: „Am Berg Sinai empfingen die Propheten jeder einzelnen Generation das, was sie in Zukunft prophezeien sollten“ (Schemot Rabba 28,6).

Die Konsequenz ist tiefgreifend: Alles, was sich später in der jüdischen Tradition entfalten sollte, war am Berge Sinai bereits in potenzieller Form gegenwärtig. Die Auslegungen der Rabbinen, die Einsichten mittelalterlicher Kommentatoren, die Innovationen des progressiven Judentums – all dies war im ursprünglichen Moment enthalten und wartete auf seine jeweilige Zeit der Offenbarung. Das ist das Wesen progressiver Offenbarung. Die Tora verändert sich nicht willkürlich, und ihre Fülle übersteigt das, was eine einzelne Generation erfassen kann. Jede Epoche empfängt das, wofür sie bereit ist. Jede Gemeinschaft bringt hervor, was immer schon da war.

Ein weiterer Midrasch (ich liebe Geschichten!) erzählt: „Als die Stimme Gottes am Berg Sinai erklang, teilte sie sich in siebzig menschliche Sprachen, damit die ganze Welt verstehen konnte. Jedes Volk hörte die Stimme in seiner eigenen Sprache“ (Schemot Rabba 5,9).

In ganz Europa – ja weltweit – unterscheiden sich unsere Gemeinden stark: in ihren Sprachen, ihren historischen Erfahrungen und Verletzungen, in der Komplexität ihrer jeweiligen Länder und in der Einzigartigkeit ihrer Traditionen. Und doch teilen progressive Jüdinnen und Juden auf allen fünf Kontinenten dieselben Überzeugungen: dass Offenbarung ein fortdauernder Prozess ist; dass die Tora in jeder Generation in deren eigener Sprache spricht; dass gemeinsames Dastehen zählt; und dass unser Bund mit Gott eine Beziehung der Gegenseitigkeit ist – eine Partnerschaft zur Verbesserung der Welt.

Ich möchte vorschlagen, dass Schabbat Jitro in Zukunft zum „Schabbat des progressiven Judentums“ wird: ein Tag, an dem wir zusammenkommen und über unsere Errungenschaften nachdenken, stolz sind auf das Licht, das wir in diese Welt bringen, und Bilanz ziehen über all die Arbeit, die noch vor uns liegt – als Gottes Partnerinnen und Partner im ewigen Werk des Tikkun Olam.

Schabbat Schalom

Rabbi Dr. René Pfertzel ist Rabbiner der Maidenhead Synagogue im Vereinigten Königreich. Ursprünglich aus Frankreich stammend, wurde er 2014 am Leo Baeck College ordiniert. Er promovierte mit einer Arbeit zur Textkritik der Hebräischen Bibel.

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